Dank moderner antiretroviraler Therapie hat sich die Lebenserwartung von Menschen mit HIV in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Dadurch rücken andere Gesundheitsaspekte stärker in den Fokus. Insbesondere Herzkreislauf-Erkrankungen zählen in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen und betreffen Menschen mit HIV heute ähnlich wie die Allgemeinbevölkerung.
Bei HIV-positiven Menschen können mehrere Faktoren zusammenkommen, die das Herz-Kreislauf-System belasten. Zum einen spielt die HIV-Infektion selbst eine Rolle: Chronische Entzündungsprozesse im Körper können die Gefäße schädigen und die Entstehung von Arteriosklerose begünstigen. Zum anderen können bestimmte antiretrovirale Medikamente Stoffwechselveränderungen verursachen, etwa erhöhte Blutfettwerte oder Insulinresistenz. Zu den wichtigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit erhöhtem Risiko bei HIV zählen die koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall. Diese entstehen meist durch Ablagerungen in den Blutgefäßen, die den Blutfluss und somit auch die Sauerstoffversorgung des Körpers behindern. Auch Herzmuskel oder Gefäßentzündungen spielen vermehrt eine Rolle.
Neben der Immunschwäche tritt bei der HIV-Infektion nämlich auch eine Überstimulation des Immunsystems auf. Diese Überstimulation lässt sich dadurch erklären, dass bei HIV-Positiven mehr bakterielle Bruchstücke aus dem Darm durch die Darmwand in den Blutkreislauf gelangen können. Dies wird durch Schädigung der Immunzellen in der Darmschleimhaut durch den HI-Virus verursacht. Der Körper reagiert auf die Bakterienbestandteile im Blut mit einer Entzündungsreaktion, welche die Ablagerungen an den Gefäßen befördert. Die antiretrovirale Therapie dämpft diese Entzündungsreaktion und bei erfolgreicher Therapie bilden sich kaum mehr neue HI-Viren. Das Immunsystem kann sich erholen und die Entzündungsreaktionen im Körper nehmen ab, erreichen aber nicht ganz die Werte von HIV-Negativen. Eine erfolgreiche Therapie ist somit essentiell zur Verringerung des Herz-Kreislauf-Risikos.
Betrachtet man die antiretrovirale Therapie in Bezug auf das Herz-Kreislauf-Risiko, ist wichtig zu beachten, dass einige Medikamente selbst ungünstige Wirkungen auch die Blutfettwerte haben können. Insbesondere die Wirkstoffe aus der ersten Generation der Proteasehemmer, wie Viracept oder Norvir, führen häufig zu einem Anstieg der Blutfettwerte. Zusätzlich können Insulinresistenzen oder Vorstufen von Diabetes unter einer Therapie mit Proteaseinhibitoren auftauchen. Auch manche Wirkstoffe aus der Klasse der Nicht-Nukleosidischen-Reverse-Transkriptase-Hemmer können zu solchen Stoffwechseländerungen führen.
Bei der Entwicklung neuer Therapien, werden die Wirkstoffe daher auf ihre Stoffwechseleigenschaften getestet und dies mit Erfolg. Gerade die neusten Wirkstoffe der verschiedenen Klassen scheinen die Cholesterin und andere Blutfettwerte nicht stark zu beeinflussen, und erhöhen somit das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen nicht weiter. Eine regelmäßige Blut-Kontrolle der Cholesterin, Blutzucker und Leberwerte durch Ihren behandelnden Arzt/Ärztin sollte jedoch trotzdem stattfinden.
Ebenso wichtig ist die konsequente Einnahme der HIV-Medikamente. Eine gut eingestellte Therapie reduziert die Viruslast und damit auch entzündliche Prozesse im Körper. Menschen mit HIV können heute ein langes und erfülltes Leben führen. Umso wichtiger ist es, Herz und Gefäße im Blick zu behalten. Mit der richtigen Therapie, regelmäßigen Kontrollen und einem gesunden Lebensstil lässt sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich reduzieren.
Quelle: https://www.aidshilfe.de/system/files/documents/medinfo_71_Herz-Kreislauf.pdf