Neue Empfehlungen zum Screening auf Analkrebs haben in der Fachwelt eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Im Mittelpunkt steht eine Leitlinie der International Anal Neoplasia Society aus dem Jahr 2025, die eine regelmäßige Früherkennung für bestimmte Bevölkerungsgruppen vorsieht. Gleichzeitig äußert der US-Infektiologe Paul Sax deutliche Zweifel daran, ob diese weitreichenden Empfehlungen tatsächlich sinnvoll sind.
Die Leitlinie empfiehlt, Menschen mit erhöhtem Risiko regelmäßig zu untersuchen. Dazu zählen insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben, sowie trans Frauen ab dem 35. Lebensjahr. Für alle anderen Erwachsenen wird ein Screening ab 45 Jahren vorgeschlagen. Die Untersuchungen sollen alle ein bis zwei Jahre stattfinden. Zunächst wird ein Zellabstrich aus dem Analkanal durchgeführt, ähnlich dem bekannten PAP-Test zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs. Wenn dabei Auffälligkeiten festgestellt werden, folgt eine genauere Untersuchung, die sogenannte hochauflösende Anoskopie, bei der der Analkanal mit speziellen Instrumenten genauer betrachtet wird.
Grundlage dieser Empfehlungen ist vor allem die ANCHOR-Studie. Diese Untersuchung konnte zeigen, dass die Behandlung bestimmter Krebsvorstufen – sogenannter hochgradiger Zellveränderungen (HSIL) – bei Menschen mit HIV das Risiko, später an Analkrebs zu erkranken, deutlich senkt. Konkret wurde eine Risikoreduktion von etwa 57 Prozent beobachtet. Dieses Ergebnis wird von vielen als wichtiger Fortschritt gewertet.
Dennoch mahnt Paul Sax zur Vorsicht bei der Interpretation. Seiner Ansicht nach geht die Leitlinie über das hinaus, was die Studienlage tatsächlich hergibt. Zwar zeige die ANCHOR-Studie, dass die Behandlung von Krebsvorstufen sinnvoll ist, sie liefere jedoch keine klare Antwort darauf, ob ein flächendeckendes Screening überhaupt notwendig oder wirksam ist. Insbesondere sei nicht belegt, dass regelmäßige Untersuchungen die tatsächliche Häufigkeit von Analkrebs insgesamt senken.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die eingesetzten Methoden. Der anal durchgeführte PAP-Abstrich gilt als vergleichsweise unzuverlässig, wenn es darum geht, die relevanten Vorstufen sicher zu erkennen. Gleichzeitig ist die hochauflösende Anoskopie, die bei auffälligen Befunden notwendig wird, nicht überall verfügbar. Dies könnte dazu führen, dass das Gesundheitssystem überlastet wird und Patientinnen und Patienten lange auf weiterführende Untersuchungen warten müssen.
Auch die Belastung für die Betroffenen spielt in der Kritik eine Rolle. Wiederholte Untersuchungen, unklare Befunde und mögliche Folgeeingriffe können Stress verursachen – insbesondere dann, wenn der tatsächliche Nutzen des Screenings nicht eindeutig belegt ist. Hinzu kommt, dass auch die empfohlenen Untersuchungsintervalle wissenschaftlich nicht gut abgesichert sind.
Vor diesem Hintergrund plädiert Paul Sax für einen individuelleren Ansatz im klinischen Alltag. Statt eines routinemäßigen Screenings für alle Betroffenen sollte zunächst eine ausführliche Aufklärung erfolgen. Dabei sollten Patientinnen und Patienten erfahren, dass Analkrebs bei Menschen mit HIV zwar häufiger vorkommt, aber unklar ist, ob ein Screening das Risiko tatsächlich stärker senkt als keine regelmäßigen Untersuchungen.
Auf dieser Basis sollte gemeinsam entschieden werden, ob eine Früherkennung gewünscht ist. Ein solches Gespräch empfiehlt Sax insbesondere ab einem Alter von etwa 50 Jahren, bei zusätzlichen Risikofaktoren wie Rauchen oder einem geschwächten Immunsystem auch früher. Wenn sich Patientinnen oder Patienten für eine Untersuchung entscheiden, hält er es für sinnvoll, möglichst direkt eine genauere Methode wie die hochauflösende Anoskopie einzusetzen, anstatt sich zunächst auf den weniger zuverlässigen Abstrich zu verlassen. Alternativ kann auch ein Test auf humane Papillomviren (HPV) durchgeführt werden. Wiederholungsuntersuchungen sollten dabei eher in größeren Abständen von drei bis fünf Jahren erfolgen und sich am individuellen Risiko orientieren.
Insgesamt zeigt die Diskussion, dass es beim Analkrebs-Screening noch viele offene Fragen gibt. Während die Behandlung von Krebsvorstufen nachweislich wirksam ist, bleibt unklar, wie ein sinnvolles und ausgewogenes Früherkennungsprogramm aussehen sollte. Viele Fachleute sprechen sich daher dafür aus, stärker auf Aufklärung und gemeinsame Entscheidungsfindung zu setzen, anstatt auf starre Screening-Vorgaben.
Quelle: Ausgabe 4/2025: Kritische Anmerkungen von Paul Sax