Die moderne antiretrovirale Therapie (ART) hat das Leben mit HIV grundlegend verändert. Das Ziel bleibt dabei stets dasselbe: Die Viruslast dauerhaft unter die Nachweisgrenze zu senken. Traditionell geschieht dies durch eine Kombination verschiedener Wirkstoffklassen, die das Virus an unterschiedlichen Punkten seiner Vermehrung stoppen.
Von der Dreifach- zur Zweifachtherapie
Dank hochwirksamer Substanzen reicht heute bei vielen Betroffenen bereits eine Kombination aus nur zwei Wirkstoffen aus. Diese „Dual-Therapie“ reduziert die tägliche Medikamentenmenge und kann die langfristige Belastung für den Körper sowie das Nebenwirkungsrisiko senken – bei gewohnt hoher Sicherheit. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass keine Resistenzen gegen die eingesetzten Wirkstoffe vorliegen. Zwei Zweifachtherapien sind derzeit schon auf dem Markt. Weitere Wirkstoffkombinationen sind aber momentan in der Pipeline. Während wir Ihnen in einem separaten Artikel die Kombination aus Bictegravir und Lenacapavir vorstellen, widmen wir uns hier zwei weiteren spannenden Entwicklungen: Die Kombinationen Doravirin + Islatravir und Lenacapavir + Islatravir.
Islatravir: Neuer Wirkstoff mit langer Wirksamkeit
Bei Islatravir handelt es sich um einen neuartigen Wirkstoff aus der Gruppe der nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Translokations-Inhibitoren (NRTTI). In frühen Studienphasen gab es Hinweise auf eine Senkung der weißen Blutkörperchen bei sehr hohen Dosierungen. Die Forschung wurde daraufhin angepasst: In den aktuellen Studien wird eine deutlich geringere Dosis verwendet, die das Immunsystem schont, aber die Viruslast weiterhin zuverlässig unterdrückt. Der Vorteil ist, dass Islatravir extrem lange im Körper aktiv bleibt. Das ermöglicht nicht nur niedrige Dosierungen, sondern eröffnet die Chance auf eine einmal wöchentliche Einnahme. Das könnte den Alltag und die Therapietreue (Adhärenz) für viele Patient:innen deutlich erleichtern. Die Kombination mit dem bewährten Wirkstoff Doravirin befindet sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium des Zulassungsprozesses. Doravirin müsste jedoch täglich eingenommen werden.
Die wöchentliche Tablette: Lenacapavir + Islatravir
Die wohl zukunftsweisendste Entwicklung ist die Kombination von Islatravir mit dem Kapsidinhibitor Lenacapavir. Hierbei könnte die erste wöchentliche Therapie in Tablettenform entstehen. Statt jeden Tag an die Einnahme denken zu müssen, wäre dies nur noch 52-mal im Jahr nötig. Für Menschen, die eine lebenslange Therapie benötigen, bedeutet dies ein großes Stück gewonnene Spontanität und weniger „Krankheits-Präsenz“ im Alltag. In Phase-2-Studien konnten fast 100 % der Teilnehmenden ihre Viruslast stabil unter der Nachweisgrenze halten. Die Verträglichkeit war dabei vergleichbar mit der täglichen Tabletteneinnahme. Diese Option ist besonders interessant für alle, die keine Spritzen (wie bei Vocabria/Rekambys) möchten, aber dennoch die tägliche Routine hinter sich lassen wollen.
Wie geht es weiter?
Aktuell wird die Kombination in großen Phase-3-Studien weltweit (unter anderem am Universitätsspital Zürich) klinisch geprüft. Bis zur endgültigen Marktreife und Zulassung wird es allerdings noch etwas Geduld brauchen: Es wird mit einer Verfügbarkeit ab dem Jahr 2027 oder später gerechnet.
Quellen: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/neue-orale-kombination-zu-hiv-therapie-163105/ Orale HIV-Therapie einmal wöchentlich für bessere Adhärenz Ausgabe 3/2021: Long Acting 2.0 – Islatravir und Lenacapavir Langwirksame orale Kombination aus Lenacapavir und Islatravir | MMW - Fortschritte der Medizin | Springer Nature Link HIV-m3_21_FoBi_CHoffmann.pdf