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Immunität gegen eine der ursprünglich tödlichsten Viruserkrankungen, die derzeit auf unserer Erde existieren: ein Satz, der das Leben vieler Patientinnen und Patienten für immer verändern würde. Genau dies beschreibt die Tatsache der HIV-Immunität. Doch was bedeutet Immunität eigentlich und wie kommt sie zustande?

Lange Zeit galt eine Immunität gegen HIV als unerreichbar. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass das Immunsystem in seltenen Fällen Wege findet, das Virus zu kontrollieren oder sogar vollständig auszuschalten. Diese besondere genetische Veranlagung findet sich bei etwa einem Prozent aller Europäerinnen und Europäer, sowie bei Menschen europäischer Abstammung weltweit. Bei ihnen liegt eine Mutation des sogenannten CCR5-Rezeptors vor.

Dieser Rezeptor ist Teil unseres Immunsystems und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation und Bekämpfung von Entzündungen im Körper. Genau diesen Rezeptor nutzt das HI-Virus jedoch als „Eintrittspforte“, um die zentralen Zellen des Immunsystems zu infizieren und dadurch außer Kraft zu setzen. Ist der CCR5-Rezeptor aufgrund einer genetischen Mutation verändert, kann das Virus nicht in die Zellen eindringen – der sprichwörtliche „Türöffner“ fehlt. Menschen, die diese Mutation in sich tragen, können daher nicht mit dem HI-Virus infiziert werden und sind von Geburt an immun. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um einen therapeutischen Ansatz, sondern um einen evolutionsbedingten Zufall.

Damit stellen sich zwei zentrale Fragen: Warum kommt diese genetische Mutation fast ausschließlich bei Europäern vor, und ließe sie sich möglicherweise künstlich herbeiführen?

Über lange Zeit existierten zahlreiche Theorien über den Ursprung dieser Mutation. Könnten etwa mittelalterliche Seuchen für die Veränderung im Erbgut verantwortlich gewesen sein? Um dieser Frage nachzugehen, trainierte eine dänische Forschungsgruppe eine künstliche Intelligenz mit genetischen Daten von mehreren tausend heute lebenden Menschen, sowie von mehreren hundert menschlichen Skeletten. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Mutation erstmals vor etwa 7.000 bis 9.000 Jahren bei einer Person auftrat, die im Gebiet des schwarzen Meeres lebte. Als Ursache vermuten die Forschenden einen evolutionsbedingten Überlebensvorteil in einer Zeit, in der Menschen mit neuen Krankheitserregern konfrontiert waren. Der Erstautor der Studie, Leonardo Cobuccio, erklärte dazu:
„Menschen mit dieser Mutation überlebten besser, wahrscheinlich weil ihr Immunsystem in einer Zeit gedämpft wurde, in der die Menschen neuen Krankheitserregern ausgesetzt waren.“

Abschließend stellt sich die wohl wichtigste und zugleich spannendste Frage: Lassen sich aus diesen Erkenntnissen neue Therapieansätze gegen HIV ableiten?
Hoffnung gibt ein Fall aus jüngerer Vergangenheit in Berlin. Dort wurde ein HIV-Patient aufgrund einer zusätzlichen Krebserkrankung mit einer Stammzelltransplantation behandelt. In der Folge entwickelte er – wie bereits sechs HIV- und Krebspatienten vor ihm – eine funktionelle Immunität gegen das HI-Virus und konnte seine antiretrovirale Therapie absetzen. In den früheren Fällen lag der Grund darin, dass die Stammzellspender zufällig Träger der beschriebenen CCR5-Mutation waren. Im jüngsten Berliner Fall jedoch trug die Stammzellspenderin diese exakte Mutation nicht. Dennoch war die Viruslast des Patienten so gering, dass keine weitere Therapie notwendig war.

Genau hierin liegt die große Hoffnung: Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das transplantierte Immunsystem in der Lage, sämtliche verbliebenen HI-Viren im Körper des Patienten zu eliminieren. Dies deutet darauf hin, dass spezielle Stammzell- und Immuntherapien ein großes Potenzial für die zukünftige HIV-Behandlung besitzen könnten. Da diese Therapieformen jedoch mit erheblichen Risiken verbunden sind – etwa der Übertragung anderer Erkrankungen vom Spender auf den Empfänger –, ist der Weg zu einer breiten Anwendung vermutlich noch lang. Dennoch lassen diese Erkenntnisse Raum für berechtigte Hoffnung.

Quelle: Immun gegen HIV: Gendefekt schützt vor der Infektion – Deutsches Ärzteblatt

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